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Nachdem ich von der halben Familie KK genötigt wurde auch mal was zu schreiben, konnte ich mich durchringen. Auch wenn mein Schreibstil nicht ganz so bildlich ist wie der von KK's, hier mein Versuch:
WM Bericht Deutschland - Equador
Vorspiel
Der Anfang ist schnell erzählt. Bei einem gemeinsamen Frühstück brachte Dreifünf Bestellscheine für die WM 2006 im eigenen Lande mit. Während die KK Familie aufgrund der besseren Chancen Tickets für das Spiel Argentinien gegen die Elfenbeinküste bestellte, füllten Maren und ich die Scheine aus und versuchten unser Glück mit dem Spiel Deutschland gegen irgendwen in Berlin. Zu diesem Zeitpunkt war ich von der ganzen WM Vorbereitung total angepisst. Wir haben beim Werder – Spiel in Hannover so viel Scheiße erlebt, dass ich auf den ganzen Trubel eigentlich schon gar keine Lust mehr hatte. Wenn ich schon ein WM Spiel sehen soll, dann auch eins mit Deutscher Beteiligung. Wenn’s dann nicht klappt ist auch egal. Ein paar Wochen später erfuhren wir dann, dass es mit der Auslosung geklappt hat. Dreifünf ging leer aus, die KK’s hatten ihre Karten für Hamburg und wir bekamen Tickets für das letzte Vorrunden – Spiel in Berlin: Deutschland gegen Equador. Der Termin rückte immer näher und so langsam begann in mir eine gewisse Art der Vorfreude. Deutschland gewann das erste Spiel gegen Costa Rica und auch das Zweite gegen Polen wurde gewonnen. Im ganzen Land drehten die Leute durch und an den Autos machten sich immer mehr kleine Fähnchen breit. Sogar unsere Dorfnachbarn, die nicht einmal wissen wie Fußball geschrieben wird, fuhren mit besagter Fahne durch den Landkreis. Das Wetter war so bombig, dass wir uns entschlossen haben zwei Tage früher los zu fahren und noch einen Kurzurlaub an der Ostsee einzubauen. Für Berlin haben wir uns schon Wochen vorher mit „Tom-Berlin“ in Verbindung gesetzt, der für uns eine Gästewohnung klar gemacht hatte. Das eigentliche Spiel sollte am Dienstag stattfinden. Weil wir aber wussten, dass in Berlin wohl einiges los sein wird, haben wir die Wohnung von Montag bis Mittwoch gemietet.
Berlin Berlin …
Montag ging es also von Rügen nach Berlin. Zum Glück hatten wir ein kleines Navi dabei, welches uns bei vielen Auswärtsspielen schon sehr geholfen hat. In Lyon konnte das Ding uns so gut helfen, das wir es aufgrund seiner guten Ortskenntnisse in Frankreich auf den Namen „Monique“ getauft haben. Monique riet uns in Berlin Weissensee runter zu fahren. 100 km zuvor habe ich mir diesen Ortsteil noch anders vorgestellt. Dann ging es quer durch Pankow (hätten wir auch den Sonderzug nehmen können) bis nach Friedrichshain. Ein riesiges Einkaufszentrum, ein paar Plattenbauten und viel Verkehr. Pankow sah noch irgendwie wie ein riesiges Steintorviertel aus aber das hier war eine Mischung aus…. ach, … es gibt in Bremen nichts Vergleichbares. Tom wusste schon bescheid und brachte uns zu unserer Wohnung. Er wusste aber auch nur die Hausnummer und da gab es bestimmt hundert Wohnungen. Also erst mal im Erdgeschoss links versucht. Bevor wir den Schlüssel da rein stecken vielleicht vorher Klingeln? Jau, es öffnete sich die Tür und auf unsere Nachfrage ob das nicht die Gästewohnung sei kam:“ Nee, hier wohn ich, versuch's mal gegenüber“ Hmm, OK, gegenüber stand auch ein Schild an der Klingel –GÄSTE- Ahhh ja, das müsste richtig sein. Besser wir klingeln noch mal. Wieder öffnete sich die Tür. Diesmal hatte die Bewohnerin einfach nur vergessen, nach dem Einzug ein Klingelschild anzubringen. Frau „GÄSTE“ riet uns das Haus zu verlassen und den Nachbareingang zu nehmen, was wir daraufhin auch machten. Direkt hinter der Tür befand sich die Wohnung. Wahnsinns Bude. Zwei Zimmer auf bestimmt 75 m² mit Küche und Bad. Fernseher, Kaffeemaschine, Wasserkocher, Toaster, Kühlschrank. Das alles für schlappe dreißig Euronen pro Nacht. Danke Tom. Schnell war das Auto ausgeladen und das Bier kalt gestellt.
Mit der U Bahn ging es erstmal zum Alexanderplatz. Unterm Fernsehturm der DDR umgestiegen und ab zum Hauptbahnhof. Alleine dieser Bahnhof ist schon eine Reise wert. Auf mehreren offenen Etagen kommen die Züge aus allen Himmelsrichtungen in dieses Aquarium gefahren. Da man von der Haupthalle alles einsehen kann, braucht man diesen riesigen Bau zur Besichtigung gar nicht großartig erkunden.
Hauptbahnhof "Berlin"
Also raus und an Angie’s Hütte vorbei Richtung Reichstag. Dort hatten die Berliner einen Nachbau vom Olympiastadion aufgebaut. Ähnlich wie die Bremer Südkurve am Hauptbahnhof nur etwas größer. Gleich sollte Anpfiff des Spiels Togo – Schweiz sein und weil wir uns diesen Stadion-Nachbau sowieso angucken wollten, haben wir uns kurzerhand für 3€ Tickets geholt. Im Stadionbereich gab es viele kleine Streetsoccer Plätze, einen mobilen MC Donalds, ein paar Getränkebuden und auch draußen schon eine große Leinwand. In der hintersten Ecke gab es einen Bitburger-Stand. Für zwei Euro bekam man da sogar echtes Bier. Tom, seine Frau Antje, Maren und ich setzten uns an einen Tisch und tranken bei über 32°C erstmal zwei Runden eiskaltes Bier. Um uns herum war nicht viel los. Das Publikum erstreckte sich auf vielleicht tausend Zuschauer, die sich in wenigen Minuten in der „Adidas Arena“ das Spiel angucken wollten. Nachdem uns die Ordnungskräfte zweimal um das Stadion schickten fanden wir unseren Block und gingen rein. Das Stadion sah wirklich beeindruckend aus. In der Mitte war ein weiterer Streetsoccer Platz und die Tribünen fassten knapp 10.000 Zuschauer. In den Kurven war jeweils eine Großleinwand und auf dem Platz stand eine Trainerbank. Hier hatten sich vier Schweizer Fans niedergelassen, die bei irgendeinem Gewinnspiel die Plätze gewonnen haben müssen. Der Stadionsprecher stellte denen eine Kiste Bier dazu und die fingen an sich bei diesem Wetter Flaschenweise den Gerstensaft reinzuschrauben. Zum Spiel gibt es nicht viel zu sagen. Schweiz hat 2:0 gewonnen, die Trainerbankschweizer haben in der Halbzeit vom mobilen MC Donalds noch ein paar Tüten bekommen und die Kiste war am Ende auch leer.
Haupteingang "Adidas Arena"
"Adidas Arena von innen"
Nach dem Spiel ging es schnell noch auf die benachbarte Fanmeile am Brandenburger Tor. Auch hier war nicht viel los. Wenn es geregnet hätte und 30°C kälter, hätte es mich ein bischen an den Freimarkt erinnert. Alle hundert Meter hingen zwei Großleinwände. Dazwischen viele Berliner Kindel Stände und jede Menge Fressbuden und Fan Shops. Eigentlich war der Besuch dieser Fanmeile für Dienstag vor dem Spiel geplant und so machten wir uns wieder auf in den Berliner Osten. Dort wollte ich mir unbedingt das „Alois S“ ansehen. Diese Kneipe ist in Bremen bekannter als manch eine Bremer Kneipe. In Berlin gibt es nämlich sehr viele Werder Fans, die sich im Alois treffen und gemeinsam die Werder-Spiele verfolgen. Arnie hat hier beim Pokalfinale sogar sein Lied „Lebenslang Grün Weiß“ live vorgestellt. Da es eine Tapas Bar ist, konnte man auch sehr gut essen. Die Kneipe an sich ist nichts Besonderes. Eine Großleinwand mit Beamer, große Fensterfronten und für Eltern sehr interessant: Im Garten stehen Tische und Bänke auf einem Spielplatz. Hier können sich die Väter in Ruhe ein paar Bierchen gönnen, während die Kinder im Sandkasten mit Katzenscheisse spielen. Der Wirt vom Alois S hat zur WM in der Nähe seiner Kneipe ein altes Umspannwerk angemietet und einige Leinwände rein gehängt. Das ganze nennt er „Torfabrik“ und dort wurden ebenfalls alle Spiele übertragen. Also haben wir uns entschieden das Abendspiel Spanien gegen Tunesien dort zu gucken. Das Ambiente in der Torfabrik hatte irgendwie nichts mit Fußball zu tun, passte aber zur Stadt Berlin. Bei uns in Bremen wäre vermutlich niemand auf solch eine Idee gekommen. Wer allerdings in ausgedienten U Bahn Stationen Technopartys veranstaltet, kann auch in dieser Umgebung Fußball gucken. Die Bedienung an den Tischen sah etwas verwegen aus, war aber echt in Ordnung. Auch die Preise konnten sich sehen lassen. Das Essen kam vom Grill aber wir hatten ja bereits im Alois gegessen. Mit der Torfabrik endete auch der erste Tag.
Die Torfabrik
Der Spieltag
Am Tag des großen Spiels fuhren Maren und ich erst mal auf die Fanmeile. Die Einlasskontrollen waren ähnlich wie im Stadion. Da wurde einem Fan vor uns sogar sein Deo abgenommen. Ob dies geschehen ist weil die Ordnungskräfte darin eine Gefahr sahen oder ob die nur die Dose haben wollten kann ich nicht beurteilen. Außerhalb des Blickfeldes des ursprünglichen Besitzers machten sich jedenfalls vier oder fünf Ordner über das Deo her. Na ja, ein kleines bischen Verständnis hatte ich schon. Wer will schon von einem nach Schweiß riechenden Typen abgetastet werden. Die Fan Meile war noch relativ leer und so konnten wir gemütlich vom Brandenburger Tor bis zur Siegessäule spazieren. Wir kamen an Torwänden und Fan Shops vorbei. Viele Leinwände, Sponsorenstände und Buden aller Art. Weiter hinten ein Riesenrad und darunter ein paar Künstler die aus Sand einige Fußballmotive gebaut haben. Es gab einen Deutschland Seidenschal für fünf Euro und auch sonst waren die Preise nicht übermäßig hoch. Irgendwann landeten wir an einem der zahlreichen Bierstände und tranken dort eine Berliner Weiße. Alles andere hätte bei dieser Hitze auch zum vorzeitigen Abschuss geführt und wir wollten ja noch das Spiel im Stadion sehen. Nach einiger Zeit setzte sich ein älteres Ehepaar zu uns. Die waren nur in der Stadt um sich in der Oper ein Ballett anzusehen und wurden völlig überrumpelt, als hier plötzlich und unerwartet eine Fußball Weltmeisterschaft stattfand. Na ja, genau wie die zig tausend Autofahnenfahrer haben die dann einfach eingesehen, dass es wohl nichts bringt sich über die vielen Fußballfans aufzuregen und sind ebenfalls auf der Fanmeile gelandet. Man konnte von unserem Platz herrlich die vorbei flanierenden Fans beobachten und man machte sich über den Einfallsreichtum einiger Verkleidungen lustig. Alte Pickelhauben wurden neu aufgelegt und schwarz rot gold lackiert, jegliche Art von Perücken wurden getragen und selbst geschneiderte Gewänder in den Landesfarben schwebten an uns vorbei. Mir ist aufgefallen, das kaum einer irgendwelche Fan Artikel von seinem Lieblingsverein getragen hat. Da gehörte ich trotz Deutschland Trikot mit meiner dezenten beigen Werder-Mütze schon zur Ausnahme und wurde sogar einige Male positiv wie negativ drauf angesprochen.
Die Fanmeile in Berlin
Dann ging es zur S Bahn Station Tiergarten. Mann war das weit. Hätten wir das bloß eher gewusst, wir hätten uns eins dieser zahlreichen Taxi Fahrräder genommen. Auf dem Bahnsteig wurde es richtig voll und wir mussten die erste Bahn ohne uns abfahren lassen. Kurz darauf kam aber schon die Nächste und wir wurden hinein gedrückt. Vor jedem Bahnhof mußte unsere Bahn auf einen freien Bahnsteig warten. So stand man immer wieder bei 34°C in der Sonne rum und ölte vor sich hin. Am Stadion war wildes Treiben. Überall schwarz rot gold und ein irrer Lärm. Equadorer, Equadorianer und Equadorianerinnen spielten hier eine untergeordnete Rolle. Die Einlasskontrollen waren nicht besonders streng und so war man auch schnell durch. Auf der Suche nach dem gelben Sektor haben wir beide natürlich die falsche Richtung gewählt und mußten einmal um das ganze Stadion rum. Mit Maren und mir standen da ungefähr 35 Jahre Auswärtsspiel Erfahrung in ganz Europa aber hier kam man sich vor als wäre man zum ersten mal in einem Stadion außerhalb Bremens. So viele Fans, die man bei normalen Bundesliga Spielen nur in der Fan Kurve antreffen würde, hatte ich in einem Stadion noch nie zuvor gesehen. Von den 72.000 Zuschauern waren rund 65.000 bereit ihre Mannschaft lautstark zu unterstützen. 95% aller Besucher trugen Trikots oder selbst gemachte Fan Artikel. Die Tribünen glichen einer weißen Wand. Unsere Plätze waren wie schon bei den Pokalendspielen zuvor in der Ostkurve. Den ersten leichten Anflug von Normalität bekam ich, als mir laut grölend Fisch über den Weg wankte. Zum Einlaufen der Mannschaften gab es eine Choreo mit Pappen in schwarz rot gold. Nach einer Choreografie im Weserstadion werden die Pappen achtlos in den Innenraum geworfen. Hier wurden sie anschließend noch dankend angenommen und Zweckentfremdet. Zum Schutz vor der Sonne fingen viele an, sich Hüte zu falten. Sah irgendwie aus wie ein Versuch, mit Massen-Origami einen Eintrag im Guinnes Buch der Rekorde zu erzwingen. Das Spiel war sensationell. Unsere Kurve rief nach einer super Leistung von Klose "MiiiiroKloooseFuuußballgott" und ich fühlte mich zum ersten mal wieder wie in einem normalen Stadion mit einer ganz vertrauten Mannschaft. Es gab so viele Gesänge, dass es schwer war, alle Zuschauer im Stadion zu koordinieren und so entstand ein Lärmpegel wie ich ihn noch nicht erlebt habe. Von Equador war nichts zu hören. Lediglich ein paar Blöcke in gelb auf der anderen Seite des Stadions unterstützten optisch ihr Team. Nach dem Spiel bedankte sich die Mannschaft mit einer Ehrenrunde und kein einziger Zuschauer verließ diesen Riesentempel ohne wenigsten zweimal die Mannschaft an sich vorbei ziehen zu lassen. "Sind wir denn schon Weltmeister?"
Wir standen unter den gelben Hut-Rohlingen
Weiße Wand
Nach dem Spiel waren wir von der Sonne ganz schön geplättet und das Letzte was wir jetzt wollten war eine U Bahn Station auf der man vermutlich zwanzig oder dreißig Züge abwarten musste, um endlich in eine mit fünfzig grad aufgeheizte Bahn gedrückt zu werden. Also wählten wir den Fußweg und erwischten nach etwa 15 min. ein Taxi, was uns für zwölf Ocken zur Siegessäule brachte. Auf dem Weg zur Fanmeile strömten uns hunterttausende Zuschauer entgegen und wir erfuhren, das wohl eine Million Menschen geschätzt wurden. Auf der Meile selbst nur noch Reste von der Party. Ein Glitzerteppich von zerbrochenen Bierbechern und übrig gebliebene, freudentrunkene, angemalte und durchgeschwitzte Leute lagen drauf. Das sich das so schnell leeren würde, hätte ich nicht gedacht. An diesem Tag ging nicht mehr viel. Unsere Füße qualmten und es war immer noch irre warm. Wir beschlossen also den Abend in unserer geilen Bude mit einem gepflegten Bex aus dem Kühlschrank zu beenden. Auf dem Weg dort hin überfiel uns der Hunger und wir suchten uns den wohl schlechtesten Griechen aus, den Berlin zu bieten hat.
Tags drauf fuhren wir gegen 10:00 Uhr noch zu einem Laden in Berlin, wo wir unsere Fan Club Artikel bestellt haben. Wunschmotiv.com. Da erwartete man uns bereits und es wurde ein großer Karton eingeladen. Ohne Monique würden wir wahrscheinlich immer noch suchen. Als wir wieder in Bremen ankamen, zeigte das Thermometer in meinem Auto 15°C. Wir waren wieder zu Hause.
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